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Wohnen ist Herzens- und Kopfsache

Mit Architekturpsychologie die Wohnqualität verbessern

Paar vor dem Kamin © Schwäbisch Hall Paar vor dem Kamin © Schwäbisch Hall

Unser Wohlbefinden und unser Verhalten werden von der Umgebung, in der wir uns aufhalten, maßgeblich beeinflusst. Wohn- und Architekturpsychologen beschäftigen sich mit den unmittelbaren und langfristigen Wirkungen von Räumen und Gebäuden auf zwischenmenschliche Beziehungen, auf Denken und Handeln, Gesundheit und Wohlergehen. Carolin Großhauser von der Bausparkasse Schwäbisch Hall ist der Frage nachgegangen, wie Bauherren und Eigentümer die Methoden und Erkenntnisse der noch recht jungen Wissenschaften für die eigenen vier Wände nutzen können.

Wohn- und Architekturpsychologen versuchen, alle Bereiche des gebauten menschlichen Lebensraums zu erfassen: von den Innenräumen und deren Gestaltung über die innere und äußere Struktur von Gebäuden bis hin zu deren Umgebung. „Wie erkennt und vor allem, wie erhöht man die menschliche Qualität von Räumen, Gebäuden und Siedlungen?“ sind laut Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger, Leiter des Instituts für Wohn- und Architekturpsychologie (IWAP) in Graz, die wichtigsten Leitfragen seiner Disziplin. Bauherren rät der Wissenschaftler zu einer „humanwissenschaftlichen Qualitäts-Analyse (HQA)“. Mit dieser Methodik könnten eventuelle Defizite, aber auch Potenziale zum frühestmöglichen Zeitpunkt, noch bevor der Bauprozess eingeläutet wird, erkannt, mit den Bedürfnissen der späteren Bewohner abgeglichen und in die konkreten Planungen eingearbeitet werden.

Den Erholungseffekt der eigenen vier Wände steuern

Aus wohnpsychologischer Sicht kann etwa der Erholungseffekt eines Zuhauses gesteuert werden. Haben Menschen das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen, vermindert dies den Erholungseffekt. Dementsprechend raten Wohnpsychologen dazu, große Fensterflächen dort anzubringen und Sitzgruppen so zu platzieren, wo sie von außen nicht leicht einsehbar sind. Dies kann beispielsweise auch dadurch geschehen, dass Bäume und Sträucher im Garten entsprechend gepflanzt werden. Apropos: Der Blick „ins Grüne“ hat einen positiven psychologischen Effekt, aber auch dieses Potenzial kann unterschiedlich gut ausgeschöpft werden. So konnte empirisch nachgewiesen werden, dass der Blick auf einen vielgestaltigen Garten dem Erholungseffekt zuträglicher ist als der auf eine „rasenmähergerechte“ Grünfläche.

Dass psychologische Aspekte eine wichtige Rolle spielen, wurde lange vor Haus- und Wohnungsbau bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen berücksichtigt. Unternehmen wollten wissen, wie sich etwa in Großraumbüros Motivation und Leistungsbereitschaft der Angestellten steigern lassen und zogen dafür Psychologen zu Rate. Dabei ging und geht es vor allem darum, ein Übermaß an unerwünschten Sozialkontakten, auch Crowding genannt, zu vermeiden. Haben Mitarbeiter das Gefühl, keine Rückzugsmöglichkeit oder Nische zu haben, etwa weil ständig Kollegen an ihrem Arbeitsplatz vorbeilaufen (selbst wenn dies nicht in kontrollierender Absicht geschieht), leiden darunter Konzentrationsfähigkeit und Kreativität. Mit flexiblen Trennelementen und Raumteilern sowie strukturierend angeordneten Pflanzen kann dem effektiv entgegengewirkt werden. Amerikanischen Studien zufolge erhöhte sich die Leistung der Mitarbeiter je nach Gestaltung der Arbeitsumgebung um 10 bis 50 Prozent.

Wohnideale vor Kauf kritisch analysieren

Die Wohnpsychologin Dr. Barbara Perfahl weist darauf hin, dass man zwar eine Vorstellung davon hat, wie gutes Wohnen aussieht, aber: „Diese Wohnideale sind oft von äußeren Einflüssen, aber auch unserer eigenen Wohngeschichte geprägt und entsprechen nicht in jeder Hinsicht den tatsächlichen Wohnbedürfnissen.“ Perfahl empfiehlt daher, sich im Vorfeld eines Immobilienerwerbs Zeit zu nehmen, die eigenen Wohnideale kritisch zu analysieren – auch mit professioneller Hilfe. So ist etwa der Irrglaube weit verbreitet, die Wohnqualität sei direkt proportional zur Anzahl der Quadratmeter. Psychologen sehen hier die Gefahr, dass das in den eigenen vier Wänden so wichtige Gefühl der Geborgenheit in Verlorenheit umschlagen kann. Häufig, so Perfahl, lasse sich bereits anhand von Grundrissen prüfen, ob ein Haus auch wirklich zu einem Zuhause werden könne, das man als Bereicherung des eigenen Lebens empfindet. Bei Eigenheimen haben sich flexible Grundrisse bewährt. Sind die Räume annähernd gleich groß, so dass sich ihre Nutzung ändern kann, oder lässt sich ein großes Zimmer mit einer mobilen Trennwand in zwei kleinere verwandeln, kann man auf Veränderungen bedarfsgerecht reagieren: Etwa wenn die Familie Zuwachs bekommt, die erwachsenen Kinder das Haus verlassen oder ein pflegebedürftiger Elternteil aufgenommen wird.

IWAP-Chef Deinsberger-Deinsweger legt Wert darauf, dass Qualität nicht mehr kosten müsse. Eine der Leitfragen bei wissenschaftlich fundierten Wohnqualitätsanalysen sei schließlich, ob bzw. wie eine Maximierung der Wohnqualität ohne Kostensteigerungen möglich ist. Im Übrigen koste ein Eigenheim in aller Regel auch dann viel Geld, wenn es aus psychologischer Sicht mangelhaft sei: „Das richtige Know-how sorgt zumindest dafür, dass das Geld gut angelegt ist – im Sinne der Lebensqualität der Bewohner.“

Quelle: Schwäbisch Hall

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